Geschichtlicher Abriss

Am 9. Juli 1773 wurde die “Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin” von dem Arzt Dr. Friedrich Heinrich Wilhelm Martini gegründet. Sie ist damit die älteste, privat gegründete und heute noch bestehende wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands.

Der Zeitpunkt der Gründung fällt in die Ära der Aufklärung, welche dem Bürger die Befreiung aus religiöser und staatlicher Bevormundung brachte. Neben der höfischen Kultur erwachte eine zunehmend selbstbewusstere bürgerliche Kultur, die ihre Wahrheiten in der Natur und ihren Gesetzen suchte. Wissenschaftlich, philosophisch und literarisch interessierte Menschen fanden sich in Diskussionsrunden zusammen, in welchen auch ein gesellig liebevoller Freundschaftskult gepflegt wurde. Name und Siegel der Gesellschaft sind beredte Zeugen dieser Geisteshaltung: Die Gesellschaft bezeichnete sich selbst als einen Freundeskreis, das Signum zeigt auf einem Altar das aufgeschlagene Buch der Natur, darüber das Dreieck der Weltharmonie im Strahlenkranz der Erkenntnis.

Als Vorbild für die Gründung der Gesellschaft diente die 1743 in Danzig gegründete Naturforschende Gesellschaft sowie ähnliche Institutionen in Piemont und Norwegen. Die staatlichen Vorläufer zu den privat gegründeten wissenschaftlichen Gesellschaften waren die Akademien der Wissenschaften, wie z.B. die Leopoldina (gegründet 1652) zu Halle oder die Academie des Sciences in Paris (gegründet 1666).

Die Gründungsversammlung fand in der Wohnung von Dr. Martini statt. Zwei Ärzte, ein Apotheker, der Direktor der Sternwarte, ein königlicher Kriegsrat und zwei königliche Verwalter (Rendanten) waren als Gründungsmitglieder anwesend. Sie alle waren sich einig in ihrem gemeinsamen Interesse an den Naturwissenschaften. Die meisten von ihnen besaßen umfangreiche Sammlungen (von Hölzern, Mineralien, Fischen, Vögeln, Versteinerungen und Mollusken) und reichhaltige Privatbibliotheken. Einige waren hoch angesehene Spezialisten, z.B. M.E. Bloch auf dem Gebiet der Ichthyologie und F.W. Siegfried als Mineraloge (Herter 1961, Becker 1973).

Die Mitglieder der Gesellschaft verstanden sich als Liebhaber der Naturwissenschaften und beschlossen, “alle Woche einige Nachmittagsstunden eines bestimmten Tages zusammenzukommen, um Sammlungen und Bücher vorzustellen und Gedanken auszutauschen”. Als Ziele der Gesellschaft werden genannt: Das Studium der Naturwissenschaften zu fördern und für die Verbreitung der Kenntnisse darüber zu sorgen (Idee der Aufklärung). Jedes Mitglied verpflichtete sich, regelmäßig an den Sitzungen der Gesellschaft teilzunehmen, eigene Arbeiten zu publizieren und finanzielle Zuwendungen für das “Kabinett” und die Bibliothek der Gesellschaft zu leisten. Freundschaftliche Beziehungen der Mitglieder untereinander sollten gepflegt werden. “Jeder sollte dem Anderen in ungeheuchelter Treue und aufrichtiger Freundschaft zugetan sein.”

Am 22. April 1788 bezog die Gesellschaft ein eigenes Haus in der Französischen Straße, für dessen Erwerb König Friedrich Wilhelm II. 10.000 Taler zur Verfügung gestellt hatte. In den Jahren davor hatte die Gesellschaft ein Zimmer zur Unterbringung ihrer Sammlungen angemietet. Das Haus der Gesellschaft in der Französischen Straße wurde im Jahre 1906 aufgegeben, als teure Instandsetzungsarbeiten unvermeidlich waren. Die Mittel für den Verkauf sollten zur Finanzierung ehrgeiziger wissenschaftlicher Pläne verwendet werden, vor allem der Herausgabe des groß angelegten “Archivs für Biontologie” (Becker und Schumacher 1973) und der Unterstützung der Tendaguru-Expedition nach Ostafrika, deren Ausgrabungserfolge im Berliner Museum für Naturkunde in der Invalidenstraße zu bewundern sind.

Bereits 1777 gehörten 2 Frauen der Gesellschaft an. Die Wissenschaftlichen Sitzungen fanden schon damals an jedem 3. Dienstag eines Monats statt. 1897 wurden zusätzlich sog. “Kleine Wissenschaftliche Sitzungen” eingeführt, welche an jedem 2. Dienstag im Monat stattfanden. Diese wurden als “Referierabende” aufgefasst: jeder der etwas vorzuzeigen oder vorzutragen hatte, konnte sich zu Wort melden. Hierbei wurden Briefe, Bücher und Sammlungsobjekte vorgeführt und Kurzvorträge über eigene Untersuchungen und Beobachtungen gehalten. Gesellige Treffen der Mitglieder wurden im Sommer in Privatgärten am Stadtrand sowie im Botanischen Garten veranstaltet. Jährlich am 9. Juli versammelten sich die Mitglieder mit ihren Angehörigen in einem Lokal, um das Stiftungsfest der Gesellschaft zu feiern.

Die Zahl der Mitglieder der Gesellschaft wuchs schnell, vor allem nach 1810 im Zusammenhang mit der Gründung der Berliner Universität. Mit der Herausbildung des Fächerkanons der Naturwissenschaften entstanden in Berlin eigene Vereinigungen der Chemiker, Physiker, Astronomen, Geographen, Botaniker und Mediziner. Schwerpunkte der wissenschaftlichen Interessen und Aktivitäten der Gesellschaft Naturforschender Freunde wurde im Laufe der Zeit bevorzugt die Biologie. Dementsprechend fanden die Sitzungen der Gesellschaft nach Aufgabe des Hauses in der Französischen Straße bevorzugt im Hörsaal des Zoologischen Institutes bzw. des Naturkundemuseums, beides in der Invalidenstraße, statt. Doch wurden die chemischen, geologischen und paläontologischen Disziplinen auch weiterhin auf den Wissenschaftlichen Sitzungen der Gesellschaft berücksichtigt.

Zwischen 1945 und 1955 lag die einzige Periode ohne offizielle Aktivitäten der Gesellschaft. Die Gesellschaft hat aber auch in dieser Zeit nicht aufgehört zu existieren und konnte endlich im Jahre 1955 im Westteil der Stadt von ihren Mitgliedern und dem letzten, 1943 gewählten Vorstand zu neuem Leben erweckt werden. Sitz der Gesellschaft ist seitdem die Freie Universität. Die meisten Mitglieder aus der DDR und aus Ost-Berlin mussten ihre Mitgliedschaft aufgrund staatlichen Druckes gegen Ende der 1960-er, Anfang der 1970-er Jahre kündigen, doch nach der Wende in der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands haben viele Mitglieder aus den neuen Bundesländern ihre alte Mitgliedschaft wieder aufleben lassen.

Eine Aufzählung einiger der herausragenden Mitglieder der Gesellschaft Naturforschender Freunde mag deren historische Bedeutung am besten veranschaulichen. Aus der großen Zahl bedeutender Naturwissenschaftler sei hier nur eine kleine Auswahl genannt, nämlich die Anatomen Theodor Schwann und Rudolf Virchow, der Astronom und Mathematiker Johann Albrecht Euler, die Botaniker Adalbert von Chamisso, Adolf Engler, Eduard Strasburger, und Matthias Jakob Schleiden, die Chemiker Robert Bunsen, Justus v. Liebig und Karl Wilhelm Scheele, der Geograph und Forschungsreisende Georg Schweinfurth, der Physiker Louis Joseph Gay-Lussac, die Zoologen Alfred Brehm, Georges Cuvier, Christian G. Ehrenberg, Richard Goldschmidt, Ernst Haeckel, Oskar Heinroth, Konrad Herter, Oskar Hertwig, Richard Hesse, Jean Baptiste de Lamarck, Konrad Lorenz, Johannes Müller und Lazzaro Spallanzani sowie der Bergrat, Weltreisende und Universalgelehrte Alexander von Humboldt. Aktuelles Ehrenmitglied ist die UN-Friedensbotschafterin und verdienstvolle Verhaltensforscherin Jane Goodall.

Die Gesellschaft Naturforschender Freunde heute

Die Gesellschaft Naturforschender Freunde hat zurzeit ca. 140 Mitglieder. Monatlich findet eine (mit Ausnahme einer dreimonatigen Sommerpause) Wissenschaftliche Sitzung statt, auf welcher Vorträge aus den verschiedenen Bereichen der Biologie und anderer Naturwissenschaften gehalten werden. Die Sitzungen finden in der Regel im Hörsaal des Institut für Biologie/Zoologie der Freien Universität in Dahlem statt. Jährlich erscheint ein Band der “Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin”, in welchem die wissenschaftlichen Vorträge der letzten Sitzungsperiode und weitere wissenschaftliche Beiträge sowie der Jahresbericht der Gesellschaft publiziert werden. Außerdem werden im in den Frühjahrs- und Sommermonaten naturkundliche Exkursionen veranstaltet, die den Teilnehmern Gelegenheit geben, ausgewählte Lebensräume in der Stadt Berlin und in seiner reizvollen Umgebung kennen zu lernen und die dort vorhandenen erdgeschichtlichen Spuren sowie die Flora und Fauna dieser Gebiete gemeinsam zu studieren. Seit dem Jahre 1994 vergibt die Gesellschaft jährlich einen Wissenschaftspreis (Katharina-Heinroth-Preis) an Berliner Studenten für hervorragende Examensarbeiten aus dem Gebiet der Biologie und ihr nahe stehender Disziplinen sowie für bedeutende, von Studenten selbständig durchgeführte und angemessen dokumentierte Projekte, die der Erforschung und dem Schutz der Natur dienen. Im Jahr 2000 fand erstmalig die gemeinsam mit dem Museum für Naturkunde initiierte Walther-Arndt-Vorlesung statt. Mit dieser jährlich im Juni stattfindenden Veranstaltung sollen einer interessierten Öffentlichkeit Zusammenhänge und moderne Entwicklungen in Biologie, Paläontologie und Geowissenschaften nahe gebracht werden. Renommierte Wissenschaftler tragen hier zu aktuellen und grundlegenden Fragen ihrer Disziplin vor.

Aufgaben und Ziele der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin:

1. Das historische Erbe
Die Gesellschaft Naturforschender Freunde hat seit ihrer Gründung im Jahre 1773 im Wissenschaftsleben der Stadt Berlin und weit darüber hinaus eine wichtige Rolle gespielt. Sie war für viele naturwissenschaftlich interessierte Menschen Berlins durch mehr als 2 Jahrhunderte hindurch ein Ort der Begegnung und der wissenschaftlichen Kommunikation. Eine Reihe der bedeutendsten Naturwissenschaftler ihrer Zeit aus Biologie, Chemie, Geographie, Medizin, Paläon-tologe und Physik waren aktive Mitglieder dieser Gesellschaft. Es gab Perioden großer wissenschaftlicher Aktivität, vor allem im 19. Jahrhundert sowie in den 1920-er und 1930-er Jahren, in welchen Berlin ein Wissenschaftszentrum von weltweiter Bedeutung war.

2. Heutige Bedeutung der Gesellschaft Naturforschender Freunde
Gibt es – unabhängig von einer moralischen Verpflichtung zum Erhalt der Gesellschaft Naturforschender Freunde – auch ein reales Bedürfnis an der Existenz einer derartigen Gesellschaft? Was kann die Zugehörigkeit zu einer naturforschenden Gesellschaft heute für den einzelnen naturwissenschaftlich Interessierten bedeuten? – Noch mehr Vorträge? – Noch mehr Sitzungen? Jeder, der heute in Forschung, Lehre oder sonst im öffentlichen Leben tätig ist, gehört höchstwahrscheinlich bereits mehreren Fachvereinigungen oder wissenschaftlichen Gesellschaften an. Dennoch wird man bei genauerer Betrachtung rasch erkennen können, dass zwischen der Zugehörigkeit zur Gesellschaft Naturforschender Freunde und der Mitgliedschaft in typischen fachbezogenen Verbänden einige wesentliche Unterschiede bestehen. Die Gesellschaft Naturforschender Freunde ist:

  • eine Berliner Gesellschaft mit einer bedeutenden, über zweihundertjährigen Geschichte
  • eine fachübergreifende Organisation, die Wissenschaftler und naturwissenschaftlich Interessierte aus verschiedenen Bereichen vereinigt
  • ein kleiner überschaubarer Kreis, dessen Mitglieder sich überwiegend auch persönlich kennen lernen können

Im Freundeskreis lässt sich gut diskutieren, Meinungen austauschen, aus dem Wissen der anderen lernen. Deshalb sollte im Leben der Gesellschaft Naturforschender Freunde, neben den wissenschaftlichen Sitzungen auch verstärkt das Gespräch und die gemeinsame Unternehmung in Form von Exkursionen und geselligem Beisammensein eine Rolle spielen. Darüber hinaus gibt es für eine Vereinigung wie der Gesellschaft Naturforschender Freunde auch gesellschaftliche und politische Aufgaben zu erfüllen. Eine naturforschende Gesellschaft hat heute die Verpflichtung, die drängenden Probleme zum Schutze der Natur und zur Sicherung der Grundlagen eines humanen Lebens zu diskutieren und in der Öffentlichkeit dazu Stellung zu nehmen.

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser dieses kurzen Berichtes über die “Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin”, interessiert sind, sich für deren Existenz einzusetzen und an deren Aktivitäten teilzuhaben, bitte ich Sie um Ihre aktive Mitarbeit. Werden Sie – sofern das noch nicht der Fall ist – Mitglied der Gesellschaft und unterstützen Sie sie durch Ihr persönliches Engagement und falls möglich auch durch eine Spende, damit die hier dargestellte Begründung und Verpflichtung für den Erhalt der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin auch über das 225. Jahr ihres Bestehens hinaus ihre Gültigkeit haben kann.

Peter Götz


Literatur:
Becker, K. (1973): Abriß einer Geschichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, (N.F.) 13: 1-58.
Becker, K. und Schumacher, E. (1973): Bibliographie der Schriften der Gesellschaft Naturfor-schender Freunde zu Berlin von 1839 - 1942. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturfor-schender Freunde zu Berlin, (N.F.) 13, Heft 2: 1-151.
Herter, K. (1961): Die Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, (N.F.) 1: 5-19.
Herter, K. und Bickerich, R. (1973): Die Mitglieder der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin in den ersten 200 Jahren des Bestehens der Gesellschaft 1773-1972. Sitzungsberich-te der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, (N.F.) 13, Heft 1: 58-159.
Anschrift: Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, Institut für Biologie/Zoologie, FU Berlin, Königin-Luise-Str. 1-3, 14195 Berlin; Tel.: 838-53917/-54686; Fax: 838-53916
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Für Spenden und Beiträge:
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Der Jahresbeitrag beträgt 60,- € für Vollmitglieder und 30,- € für nichtverdienende Mitglieder und Studenten. Spenden und Beiträge sind steuerlich absetzbar.